SonntagsZeitung vom 21.03.2021

 

SonntagsZeitung Felix Bertram skinmed

©SonntagsZeitung, Autorin: Siliva Aeschbach

Er hat die grösste private Klinik für Dermatologie und plastische Chirurgie in der Schweiz aufgebaut. Doch der innovative Arzt und Unternehmer Felix Bertram hat auch ein Herz für herrenlose Tiere.

Die Fakten sprechen für sich: In den letzten 15 Jahren hat der Dermatologe und Unternehmer Felix Bertram zwei Kliniken in Lenzburg und Aarau gegründet. Mit rund 6000 Operationen pro Jahr und über achtzig Mitarbeitenden ist Skinmed die grösste Privatklinik für Dermatologie und Plastische Chirurgie in der Schweiz. Was aber treibt den 46-jährigen Besitzer der Klinikgruppe an, der 2007 von Hamburg in die Schweiz kam, um im Kanton Aargau eine kleine Hautarztpraxis zu übernehmen?

Heute umfassen die Praxisräume von Skinmed in Lenzburg rund 2500 Quadratmeter auf vier Etagen in einem modernen Hochhaus. Das ästhetische Empfinden des Spezialisten für Schönheitsmedizin fliesst nicht nur in seine Arbeit als Arzt ein, sondern findet sich auch im Einrichtungsstil der Räumlichkeiten wieder. Modern, in blassen, kühlen Farben gehalten, hat man hier eher das Gefühl sich in einem eleganten Stadthotel aufzuhalten als in einer Klinik. An der Türe zum Büro von Felix Bertram sind unter seinem Namen auch jene seiner 13 Hunde aufgelistet. Ein unkonventioneller, aber sympathischer Zug.

Nach einer kurzen Wartezeit stürmt Bertram in den Raum. Seine kurze, aber herzliche Begrüssung lässt vermuten, dass der Doktor wieder einmal «im Schuss» ist. Und dass es keinen langen Smalltalk zum Aufwärmen geben wird. Irrtum, denn unser Gespräch dreht sich am Anfang nicht um seine Rolle als Arzt und Unternehmer, sondern um seine Hunde, die er aus spanischen Tierheimen gerettet hat. Einer seiner letzten Neuzugänge heisst Felix. In einer Kolumne in der «Aargauer Zeitung» beschreibt Bertram seine enge Verbindung zum ihm. Und dass er viele Parallelen im Umgang zwischen Menschen und Tieren sieht: Nämlich, dass es für Heilerfolge unabdingbar sei, eine vertrauensvolle Energie aufzubauen.

Solche Zeilen von einem Chirurgen zu lesen erstaunt. Zeichnen sich diese doch in erster Linie eher durch ihr technisches Interesse und ihr pragmatisches Denken und Handeln aus. Was seine eigenen chirurgischen Fähigkeiten betrifft, ist Bertram vor allem auch durch seine Kreativität bekannt geworden. «Mir liegt der gestalterische Aspekt, die Ästhetik, mehr als die akademische Arbeit», beschreibt er seine Arbeitsphilosophie.

Eine Philosophie, die sich beim Schüler einer Waldorfschule, die auf den anthroposophischen Erziehungsgrundlagen von Rudolf Steiner basiert, schon früh abzeichnete. «Ich wusste schon damals, dass ich etwas Besonderes schaffen wollte, und dass ich dazu immer mein Ziel vor Augen haben musste.» Darum wollte er die Waldorfschule auch verlassen und ein öffentliches Gymnasium besuchen. Dass sein damaliger Lehrer ihm diesen Schritt nicht zutraute, habe seinen Ehrgeiz nur noch mehr geweckt, um zu beweisen, dass dieser im Unrecht war. «Ich wollte mich nicht auf vorgegebenen Pfaden bewegen, sondern meinen eigenen Weg gehen.»

Seinen Traum, Schauspieler zu werden, musste er aufgeben

Sein Ehrgeiz und seine Liebe zum Wettkampf brachte auch gewisse familiäre Konflikte mit sich. «Als Student interessierte ich mich für die Börse. Ein Interesse, das mein Vater nicht nachvollziehen konnte, und mit den Worten kommentierte: ‹Ich habe in meine Kinder und nicht in die Börse investiert.›» Obwohl Felix Bertram diese Erinnerung als Anekdote erzählt, schwingt in seinen Worten doch eine leichte Verletztheit mit.

Doch seine Sturm-und-Drang- Zeit wurde erst einmal brutal gestoppt. Als 19-Jähriger erlitt er einen lebensgefährlichen Motorradunfall, der zur Folge hatte, dass ihm ein Bein amputiert werden musste. Seinen Traum, Schauspieler zu werden, musste er aufgeben. Doch statt über sein schweres Schicksal zu brüten, kam er zum Entschluss, Medizin zu studieren. Einen wichtigen Beitrag dazu habe ein junger Arzt geleistet, der ihn in den Monaten, in denen er im Spital bleiben musste, betreute: «Er nahm sich Zeit für mich und gab mir Zuwendung, wenn ich sie brauchte.» Man ahnt, dass die Unterstützung, die Felix damals bekommen hat, auch einer der Gründe für seine Menschen- und Tierliebe ist. Drei Wochen nachdem er aus dem Koma erwacht war, begann Bertram für seine neue Leidenschaft, die Medizin, zu lernen.

Wie viel Disziplin und Resilienz sind nötig, um einen solchen Schicksalsschlag zu überwinden? Bertram winkt ab: «Ich musste mich zu gar nichts zwingen, denn ich bin von Natur aus ein unerschütterlicher Optimist.» Natürlich habe es auch schwierige Momente gegeben, aber er habe immer seiner Intuition und seiner inneren Sicherheit vertraut, dass dies sein neuer Schicksalsweg sei. «Ich liebe die Leichtigkeit des Seins.»

Nach seinem Studium führte ihn sein Weg als Arzt von Hamburg, Sylt und Südafrika nach Stuttgart, wo er sich auf die operative Dermatologie und plastisch- rekonstruktive und ästhetische Chirurgie spezialisierte. Und wie ist er dann in einer Hautarztpraxis im Kanton Aargau gelandet? «Die Arbeitsbedingungen in der Schweiz erschienen mir sehr gut. Also suchte ich im Internet nach Dermatologen, die kurz vor dem Pensionsalter standen und eventuell an einem Nachfolger für ihre Praxis interessiert waren.» Es dauerte nicht lange, bis er mit einem Besitzer einig war.

Die ersten fünf bis sechs Jahre habe er Tag und Nacht gearbeitet. Seine Kreativität, «aus der Box heraus zu denken», die Freude und Leidenschaft am Beruf und die Dankbarkeit, seine Berufung gefunden zu haben, seien stets sein Antrieb gewesen. Dass er mit seiner forschen Art und seinem direkten Naturell seine Schweizer Mitarbeiter auch immer wieder mal irritiert, ist ihm bewusst. «Der starke Fokus auf meine Ideen bringt auch eine gewisse Sturheit mit sich», räumt er ein. «Das kann anecken, aber auch motivieren. Ich versuche, den Ausgleich zu wahren.» Vielleicht helfe ja auch der Fakt, dass er seit letztem Jahr eingebürgerter Schweizer sei, lacht er.

Wie hat sich Corona auf das Geschäft ausgewirkt? «Wir können trotz aller Schwierigkeiten auf ein gutes Jahr zurückblicken. Die sechs Wochen, in denen wir nicht operieren konnten, waren eine grosse Herausforderung. Wir haben sie zum Glück aber erfolgreich gemeistert und an die positive Entwicklung vor Corona anknüpfen können.» Heute gebe es eine dreimonatige Wartezeit für gewisse Operationen. Was die Wünsche der Kunden angehe, sei sowohl bei Frauen wie bei Männern neben den Lippen die Augenpartie vermehrt in den Fokus gerückt.

Eine gesunde Haut strahlt innere Zufriedenheit aus

«Dadurch, dass wir ständig Masken tragen, fällt ein müder Blick oder eine schlaffe Augenpartie viel stärker auf.» Also möglichst wenig Falten? «Überhaupt nicht!», sagt er dezidiert. Ihm gehe es nicht um ein glattgebügeltes Gesicht, sondern um eine gesunde und strahlende Haut, die eine innere Zufriedenheit ausstrahlen soll. Und Unterspritzungen und Botox seien eine Möglichkeit, die Haut aufzufrischen. «Ich betrachte Schönheit ganzheitlich.»

Dazu gehöre nicht nur eine schöne Haut, sondern auch eine gesunde Ernährung, der Lebenswandel und eine positive Einstellung. Und was hält er von den sogenannten Instagram-Lippen? «Heutzutage meint jeder Anfänger, er können Lippen aufspritzen. Dabei ist die Lippenbehandlung etwas vom Schwierigsten.» Hier sei eine besondere Technik gefragt, damit der Mund möglichst natürlich aussehe: «Schlauchboot-Lippen gibt es bei mir nicht.»

Heute operiert Felix Bertram nur noch an einem Tag in der Woche. In der restlichen Zeit entwickelt er neue Pläne für den weiteren Ausbau seines Unternehmens. Dass er seine Work-Life-Balance ernst nimmt, zeigt sich darin, dass er jeweils erst am Mittag in seiner Praxis ist. Am Vormittag widmet er sich seinem Privatleben, dem Velofahren und neuen Ideen.

Und wie sieht es mit seinen Träumen aus? «Ich würde so gerne wieder reisen. Am liebsten wieder einmal nach Afrika, um die vielfältige Natur- und Tierwelt zu erleben.» So lange das nicht möglich ist, wartet sein geliebtes Hunderudel zuhause auf ihn.